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Besuch von den Dragoncitos
Ein Klassenzimmer voller Schuppen

reptilien in der schule

Der Weg von Angst und Ekel zu Faszination und Schutz ist lang – aber er beginnt mit Nähe. Unser Ziel ist es, Kindern eine gute, lehrreiche und spannende Zeit mit Reptilien zu schenken. So wie Menschen erst durch persönliche Begegnung Vertrauen fassen, kann auch die Nähe zu lebenden Tieren einen entscheidenden Unterschied machen.

 

Unser Ziel ist keine Show – sondern echte Begegnung.
Unsere Tiere sind keine Zirkusattraktionen. Sie sind Botschafter ihrer Art. In der Natur bekommen Kinder Reptilien oft nur wenige Sekunden zu Gesicht: Eidechsen huschen davon, Schlangen verschwinden lautlos. Eine Verbindung zu ihnen aufzubauen ist schwierig. Doch bei unseren Schulbesuchen bekommen Kinder die Gelegenheit, Reptilien aus nächster Nähe kennenzulernen – sicher und mit Respekt.

Jede vorgestellte Reptilienart soll nicht nur Nähe schaffen, sondern auch einen bestimmten Aspekt aus dem Leben der Tiere anschaulich verdeutlichen.

Wir möchten dich hier mitnehmen und erzählen, wie so eine Reptilienvorstellung abläuft:

Der Vortrag mit Fotos und kurzen Videos ist vorbei,

die Kinder sitzen gespannt im Halbkreis.

Ernährungsformen

In der ersten Box wartet Leonie, unsere Bartagame – das perfekte Eröffnungstier: tiefenentspannt, selbst wenn dreißig Kinder durcheinander rufen:
„Ist das ein Leguan?“
„Darf ich sie anfassen?“
„Beißt die?“
„Kann ich ein Foto machen?“
Mehr ist kaum zu verstehen – alle reden gleichzeitig.

Lili sagt ruhig:
„Wenn wir uns jetzt alle etwas beruhigen, können wir mal schauen, ob Leonie Hunger hat.“

Mit ihrem stacheligen Körper und dem breiten Kopf sieht die Bartagame wirklich aus wie ein kleiner Drache – und sie wartet geduldig auf ihre Lieblingsbeschäftigung: das Fressen.

Grillen und Salatblätter nimmt sie direkt aus den Händen der Kinder. Dabei erklären wir, dass sich das Fressverhalten einiger Reptilien mit dem Alter verändert – so z.B. bei der Bartagame aber auch bei den lokalen Leguanen:
Jungtiere fressen vor allem eiweißreiche Insekten die ihnen ein schnelles Wachstum ermöglichen, während erwachsene Tiere Blätter und Pflanzen bevorzugen.

bartagame.jpg
Königspython mit kind

Morphologie und Lebensweise

Dann kommt die erste Schlange: Kleopatra, unsere Königspython.
Einem alten Mythos zufolge sollen afrikanische Herrscher diese Schlange wegen ihrer Schönheit lebendig als Schmuck an Hals und Arm getragen haben – daher auch ihr wissenschaftlicher Name: Python regius.

Sie ähnelt in ihrer Zeichnung den lokalen Boas, ist jedoch deutlich ruhiger – und damit ideal geeignet für die Arbeit mit Kindern.

Wir zeigen den Kindern die Wärmerezeptoren um ihr Maul, mit denen sie ihre Beute selbst in völliger Dunkelheit aufspüren kann.

„Wovon ernähren sich diese Schlangen wohl?“, fragt Alexis in die Runde.
Drei Kinder rufen fast gleichzeitig: „Mäuse!“

Eigentlich hatten wir vereinbart, sich zu melden – aber die Aufregung ist groß: So nah war noch keines der Kinder einer lebenden Schlange.
Die Regeln sind vergessen – der Inhalt aber bleibt hängen: Alle erinnern sich an unseren Vortrag über Schlangen als natürliche Regulatoren von Nagetierpopulationen.

Beim vorsichtigen Halten spüren die Kinder die kraftvolle Muskulatur, mit der Kleopatra ihre Beute umschlingt.
So wird eindrucksvoll erlebbar, wie Körperbau und Verhalten perfekt an die Lebensweise dieser Tiere angepasst sind.

Bedrohte Arten

Als Nächstes stellen wir eine Kiste mit einem Tier in die Mitte, das viele Kinder kennen: den „Escorpión“, wie er in den Dörfern angstvoll genannt wird – eine bedrohte Baumschleiche mit dem wissenschaftlichen Namen Abronia deppii.
Unsere Abronia heißt Ferdinand, benannt nach dem Berliner Naturforscher Ferdinand Deppe, dem sie auch ihren wissenschaftlichen Namen verdankt.

In den Dörfern gilt diese Echse als giftig und gefährlich – vermutlich wegen ihres schlangenähnlichen Körpers, der kurzen Beine und des breiten Kopfs, der an eine Viper erinnert.
Doch diese Angst ist unbegründet: die Abronia ist völlig harmlos, besitzt kein Gift und keine Giftzähne.

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Trotzdem – wenn man sein ganzes Leben hört, etwas sei gefährlich, verschwindet diese Vorstellung nicht einfach aus dem Kopf.

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Jetzt öffnen wir die Box. Die Augen der Kinder werden groß.
In einem wackelnden Gang kriecht die Baumschleiche über ein Stück Rinde aus der Box. Ihre Bewegungen erinnern an ein trockenes Blatt im Wind.
Ihre grauschwarze Färbung mit hellen Punkten lässt sie mit der Rinde und den darauf wachsenden Flechten optisch verschmelzen.

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Wir erklären:

Die Abronia hat keine Verteidigungswaffen. Sie kann sich gegen Fressfeinde wie Vögel oder Marder nicht wehren – ihre einzige Überlebenschance ist es, durch Tarnung und vorsichtige Bewegung gar nicht erst entdeckt zu werden.

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Jetzt dürfen die Kinder sie vorsichtig auf der Hand halten.
Abronia deppii gehört zu den zutraulichsten Echsen Mexikos.
Wenn sie ruhig auf der Hand sitzt und die Kinder mit ihren glänzenden Knopfaugen anschaut, ist das Eis schnell gebrochen.
„Die ist ja süß!“, sagt ein Mädchen.

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Gerade bei den gefürchteten Abronias erleben wir oft, dass eine direkte Begegnung in wenigen Minuten mehr verändert als ein stundenlanger Vortrag.

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Die Kinder beobachten, wie sie ihren Greifschwanz um die Finger legt und wie eine zusätzliche Hand einsetzt.
„Schau, so kann sie sich in den Ästen festhalten!“, ruft ein Kind.

Wir erklären, dass Abronia deppii in der Epiphytenvegetation alter Eichen lebt – von denen es noch einige in den Wäldern um das Dorf gibt – und dass sie ihr Zuhause verliert, wenn diese Bäume gefällt werden.

Besonders mutige Kinder dürfen sie jetzt sogar mit einer Grille aus der Hand füttern.
Plötzlich spannt sich der Körper der Echse s-förmig – jetzt sieht sie wirklich ein bisschen wie eine Schlange aus – und blitzschnell schießt sie nach vorne, um die Grille zu packen.

Die Kinder jubeln, die Abronia mampft zufrieden –
und wir sind dem Schutz einer hochbedrohten Art einen Schritt näher.

abronia deppii
abronia deppii 2
abronia nahrung
kronen gecko 2.jpg

Aktivitätsphasen

Dann kommt der Kronengecko „Spidy“.
Wie Spiderman läuft er mit Hilfe seiner Lamellenfüße senkrecht an der Wand entlang.

Wenn er auf den Händen der Kinder sitzt und Fruchtmus schleckt, spüren sie den Unterschied zwischen den samtigen lamellenartigen Füßen des Geckos und den Krallen anderer Echsen.

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„Der hat ja Augen wie meine Katze“, sagt ein kleines Mädchen.

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Wir erklären, dass es tag- und nachtaktive Reptilien gibt – und dass nachtaktive Arten besonders empfindliche Pupillen besitzen, mit denen sie auch in völliger Dunkelheit sehen können.
Tagsüber ziehen sie ihre Pupillen zu einem schmalen Spalt zusammen.

Während die Kinder dem Gecko nacheinander in die Augen schauen, erzählen wir, welche Geckos in Mexiko heimisch sind – und welche davon ähnliche Verhaltensweisen zeigen.

Sinnesorgane

Unser nächstes Reptil ist besonders eindrucksvoll – über einen halben Meter lang:
Godzilla, unser Steppenwaran.
Er sieht aus wie ein kleiner Tyrannosaurus und ist ein absoluter Liebling der Kinder.

Alexis erzählt, dass Steppenwarane in Afrika leben – in einer Welt mit wilden Büffeln, Elefanten und Löwen.
Eine raue Gegend. Aber Godzilla hat keine Angst. Er ist selbst ein wildes Tier.

In einer mit Laub und Rindenstücken gefüllten Kiste beobachten die Kinder, wie er mit seiner langen, schlangenartigen Zunge Geruchsspuren aufnimmt.
Er ortet die versteckten Schaben – und schiebt mit kräftigen Beinen und scharfen Krallen das Substrat beiseite, bevor er blitzschnell zuschnappt.
Ein bewunderndes Raunen geht durch den Raum.

Alexis erklärt den Kindern, dass Steppenwarane große Verwandte haben, die wie echte Dinosaurier aussehen – viele davon sind heute bedroht.

„Und so wie wir hoffen, dass die Menschen in Afrika ihre Warane schützen,
hoffen Menschen weltweit auf uns und auf euch:
Dass wir die Dragoncitos beschützen, die bei uns in den Bergen Mexikos leben.“

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indigo schlange
schlangen mythos
drymarchon melanurus

Rollen im Ökosystem

Ein besonderer Höhepunkt ist die Begegnung mit der großen schwarzen Indigoschlange namens Blacky – in vielen Regionen Mexikos ist sie das am meisten gefürchtete Reptil überhaupt.

In den Dörfern, wo der Alltag ruhig verläuft, sind gute, spannende Geschichten gern gehört.
Leider entstehen dabei auch Erzählungen wie die Legenden rund um die Indigoschlange – Geschichten, die ebenso fantastisch wie falsch sind und bis heute Angst und tiefes Misstrauen nähren.

„¡Qué miedo!“ – „Wie gruselig!“, ruft ein Junge, als er die Kiste mit der Schlange entdeckt.

Eine besonders weit verbreitete Legende besagt, dass sich Indigoschlangen nachts in die Häuser der Bauern schleichen, um die Muttermilch von Frauen zu trinken – weshalb deren Kinder an Unterernährung sterben würden.

„Meine Oma sagt, die Schlange ist so böse, man kann sie nur töten, wenn man eine Machete in den Boden rammt, ihr einen Sombrero aufsetzt – und dann, weil sie so aggressiv ist, verbeißt sie sich in den Hut, schlingt sich um die Machete und zerfällt in Stücke“, erzählt ein anderes Kind.

Die Vorstellung, Schlangen kämen absichtlich in die Dörfer, um Menschen zu erschrecken und anzugreifen, hält sich hartnäckig.

Obwohl wir im Vortrag bereits viel über Reptilien gelernt haben, ist den Kindern ihre Unsicherheit anzusehen – gilt das alles wirklich auch für diese gefürchtete Schlange in der Kiste?

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Alexis spricht ruhig und klar:

„Es gibt kein Reptil, das Milch trinkt. Und Schlangen greifen keine Menschen an – weder mit Macheten noch ohne. Wenn sie die Möglichkeit haben, ziehen sie sich zurück. Sie kommen nicht, um Angst zu machen – sie kommen, weil es in unseren Feldern und Vorratslagern viele Mäuse gibt.“

​

Die Wahrheit ist: Gerade diese Schlange übernimmt eine wichtige Rolle im Ökosystem. Ausserdem ist sie ungiftig und für Menschen vollkommen harmlos.

​

Wir stellen die große Kiste in die Mitte des Kreises.
Es wird still – der Moment, auf den alle gewartet haben.

​

„Seid ihr bereit?“, fragt Lili – und öffnet langsam die Box.

Blacky streckt vorsichtig ihren glänzenden Kopf heraus und beginnt zu züngeln.
Die Kinder erinnern sich: So wie der Waran nimmt auch sie Duftstoffe aus der Luft auf, um sich zu orientieren.
Sie sehen die großen, runden Augen – ein typisches Merkmal tagaktiver Arten.
Jetzt verstehen sie, warum man diese Schlange häufiger sieht als andere, die nachts unterwegs sind.

Langsam gleitet Blackys langer, armdicker, schwarzer Körper aus der Kiste.
Dann werfen wir ihr eine tote Maus vor.

Alle beobachten gebannt, wie sie sich der Beute nähert – und ohne zu zögern zuschnappt.

Nicht der Mensch ist ihr Ziel – sondern die Nagetiere, die sich rund um Felder und Häuser besonders wohlfühlen.


Der Zusammenhang wird klar:

Schlangen kommen nicht, um uns zu schaden – sie sind auf der Suche nach Nahrung.

Dieses neue Verständnis wird in Zukunft hoffentlich etliche Schlangenleben retten.

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Viele Kinder haben noch nie zuvor eine lebende Schlange aus der Nähe gesehen – und schon gar nicht beim Fressen. Die Kinder sind tief beeindruckt.
Diese Szene, wie Blacky die Maus packt und ohne sie zu zerkauen in einem Stück verschlingt, wird zur Geschichte,
die noch lange im Dorf weitererzählt wird.

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Wir haben heute nicht nur Wissen geteilt – wir haben durch Erlebnisse neue Geschichten geschaffen,
die den alten Legenden etwas entgegensetzen.

Geschichten, die mit nach Hause genommen, weitererzählt – und im Dorf weiterleben werden.
Auch dann noch, wenn wir längst in einer anderen Bergregion sind – in einem anderen Klassenzimmer,
mit neuen Kindern und neuen Begegnungen, die wieder neue Geschichten schreiben.

Und was ist mit giftigen Schlangen?

Auch darüber sprechen wir offen. Wir zeigen präparierte Exemplare – Schlangen, die wir auf Straßen überfahren gefunden haben. Gemeinsam lernen wir mit diesen Exemplaren, woran man giftige Arten erkennt. Unsere Faustregel, die allerdings nur in den Bergen Mexikos gilt: Alles mit Beinen ist harmlos. Alles ohne Beine – also Schlangen – braucht besonderen Respekt. Und wir zeigen den Kindern, wie man Reptilien sicher beobachtet: still sein, Abstand halten, Geduld haben. Wer ruhig vor einem Steinhaufen sitzt, wird vielleicht bald eine Eidechse entdecken.

schlangen
reptilien und schule

Zum Abschied

Am Ende sitzen wir noch einmal im Kreis. Jedes Kind darf erzählen, welches Tier es am meisten überrascht hat – oder welches ihm besonders gefallen hat. Dann ist noch Zeit für etwas ganz Besonderes: Wer möchte, darf ein Erinnerungsfoto machen – mit Leonie auf dem Arm, mit Kleopatra um die Schultern oder mit Spidy auf der Hand.

Viele Kinder winken den Tieren zum Abschied, manche flüstern ihnen etwas zu.
Und wir wissen: Wenn die Kinder das nächste Mal eine Eidechse im Feld sehen oder einer Schlange auf dem Weg begegnen, werden sie anders hinsehen – mit Neugier statt Angst.
Das rettet kurzfristig vielen Dragoncitos das Leben – und bereitet langfristig den Boden für Maßnahmen, bei denen ihre Lebensräume gemeinsam mit den Menschen in den Gemeinden geschützt werden.

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Dragones de niebla

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The Dragon Conservation Project

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